In der aktuellen hysterisierten Diskussion über eine Masernimpfpflicht ziehen zunehmend amerikanische Verhältnisse in die deutsche Politik ein, frei nach der offenbar zeitgemäßen Devise: "Was scheren mich die Fakten, wenn ich doch genau weiß, was ich erreichen will".

Diese geistige Grundhaltung zieht sich in der aktuellen Impfpflicht-Diskussion quer durch die Äußerungen der üblichen Verdächtigen und der so genannten main-stream-Medien und betrifft vor allem 4 Behauptungen:

  1. Es gäbe in Deutschland eine Zunahme von Masernfällen in den letzten Jahren und Monaten

  2. Die Durchimpfungsraten in Deutschland wären wegen der zunehmenden Impfmüdigkeit/Impfskepsis zu niedrig und/oder sogar rückläufig.

  3. Der Zeitpunkt, zu dem die Durchimpfungsraten erfasst/erreicht würden sei zu spät, es seien ja vor allem die Kleinkinder, die gefährdet seien.

  4. Das Problem wäre vor allem die zweite Masernimpfung, die zu selten/zu spät verabreicht würde und die für den Schutz aber unerlässlich wäre.

 

Zu 1.

Bundesgesundheitsminister Spahn hält es "für einen Skandal, dass immer mehr [!] Kinder [!! s. u.] in Deutschland an Masern erkranken" (BMG 2019), der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung weiss, dass sich "in den Praxen der niedergelassenen Ärzte zurzeit Fälle von Masern häufen" (DÄ 2019) und auch die Tagesschau sieht angesichts der "Masern-Ausbreitung ... auch in Deutschland ... Grund zur Sorge" (Tagesschau 30.11.2018).

Schaut man jedoch auf die tatsächlichen, hochoffiziellen Masernzahlen, die das Robert Koch-Institut als zuständige Behörde erfasst und veröffentlicht, wird deutlich, wie postfaktisch hier "argumentiert" wird:

die im laufenden Jahr 2019 bisher erfassten Zahlen entlarven jede Behauptung von "Zunahme" oder "Häufen" für Deutschland als fake news - im ersten Quartal wurden zwar mehr Fälle gemeldet als im Vergleichszeitraum 2018, aber weniger als in dem von 2017 oder 2015 und vor allem: weniger als im langjährigen Durchschnitt in Deutschland in diesem Zeitfenster erfasst wurden (bis Ende der 13. Kalenderwoche liegen die 2019er Zahlen bei gut 60% des langjährigen Durchschnitts für diesen Zeitraum...).

 

Masern D nach KW

 

Und auch beim Blick auf den größeren Maßstab - die Entwicklung der Masernzahlen insgesamt in Deutschland pro Jahr - zeigt beim besten Willen keinen Trend zu irgendeiner, geschweige denn einer dramatischen Zunahme:

 

Masern D pro Jahr

 

Die internationalen Fallzahlen an Masern haben in den letzten Jahren tatsächlich zugenommen, auch in Europa - ob die Laut-Sprecher dieser hysterisierten Kampagne aber tatsächlich selber glauben, dass eine Masernimpfpflicht in Deutschland hilft, die Probleme mit den Masern in der Ukraine oder in Rumänien in den Griff zu bekommen?

Der heute so moderne (und leider so oft hochnotwendige) "Faktencheck" entlarvt alle Behauptungen über eine Zunahme der Masernfälle in Deutschland als (populistische?) fake news.

 

Zu 2.

Betrachtet man die folgende Graphik in ihrem grünen Anteil, wird klar: auch ohne jede Zwangsmaßnahme sind seit mehr als 10 Jahre 97% der Eltern in Deutschland bereit, ihre Kinder gegen Masern impfen zu lassen.

 

Masern in D nach Alter mit Impfquote

Diese Quote, die in Deutschland bei der Einschulungsuntersuchung erhoben wird, widerlegt in ihrer Höhe und in ihrer Konstanz jedwede Behauptung über (zunehmende) Impfmüdigkeit in Deutschland.

 

Zu 3.

Der hier häufig vorgebrachte Einwand, die Erhebung erfolge zu spät und es seien ja gerade die Kleinkinder vor der Einschulung, die besonders häufig erkrankten und bei diesen sei die Impfquote niedriger, wird durch den Säulenanteil der oberen Graphik in's Reich der Fabel verwiesen: auch wenn wir aufgrund des Erfassungssystems in Deutschland keine flächendeckenden Aussagen darüber machen können, wie gut die Durchimpfungsrate bei 2-, 3-, oder 4-Jährigen ist, eines ist klar: sie spielen bezogen auf die Gesamtzahl der Masernerkrankung eine völlig untergeordnete Rolle. Masern werden - wie der damalige STIKO-Vorsitzende Jan Leidel schon 2011 feststellte - in Deutschland zunehmend eine Erkrankung Erwachsener (Kutter 2015, Löll 2011). Dies zeigt die folgende Analyse, die klar nachweist, dass sich das Verhältnis von Masernfällen im Kindes- und Jugendlichenalter auf der einen und im Erwachsenenalter auf der anderen Seite in den letzten Jahren in Deutschland eindeutig zuungunsten der Erwachsenen verschiebt.

 

Masern D nach Kindern und Erwachsenen 2001 19

 

Eine Impfpflicht für Erwachsene allerdings halten selbst Hardcore-Impfeuphoriker in Deutschland für nicht durchsetzbar...

 

Zu 4.

Auch wenn die üblichen Verdächtigen unablässig das Gegenteil behaupten (zuletzt ein Sprecher des Berufsverbandes der Kinderärzte in der Sendung heute+ vom 28.03.2019): die zweite Masernimpfung (MCV2) ist keineswegs unabdingbar für einen sichern Schutz des einzelnen Kindes: 95% der im zweiten Lebensjahr geimpften Kinder sind nach einer Masernimpfung über Jahre, wahrscheinlich Jahrzehnte, geschützt. Die zweite Masernimpfung ist damit bei der überwältigenden Mehrzahl der Geimpften für die Schutzwirkung bedeutungslos (s. hier)

Die MCV2 dient einzig und allein dazu, die 5%, die beim ersten Mal keinen Schutz aufgebaut haben, ein zweites Mal zu impfen, und ihnen damit eine zweite Chance zu geben, Antikörper zu entwickeln. Sie erhöht damit natürlich auch den Anteil derer in der Bevölkerung, die einen Impfschutz gegen Masern haben - ein epidemiologisches Argument, unabhängig von der Situation des einzelnen Kindes.

Dass die Impfquote für die MCV2 in Deutschland so niedrig scheint, liegt auch an zwei Besonderheiten:

  • zum einen ist die MCV2 in (fast) keinem Land Europas so früh empfohlen, wie in Deutschland (ab 15. Lebensmonat) - immerhin 13 von 31 von der Europäischen Gesundheitsbehörde ECDC erfassten Länder der erweiterten EU empfehlen die MCV2 ganz regulär erst nach dem 6. Geburtstag.

  • damit werden zum anderen in Deutschland mit der Erfassung im 6. Lebensjahr (Einschulungsuntersuchung) Kinder als "unzureichend Masern-geimpft" erfasst und gemeldet, die in vielen anderen europäischen Ländern die MCV2 ganz empfehlungskonform noch nicht erhalten hätten....

Auch die nicht wirklich impfkritische WHO empfiehlt für ein Land wie Deutschland (MCV1-Durchimpfung > 90% und Schulbesuch bei > 95% der Kinder) die Gabe der MCV 2 im Schulalter: "If MCV1 coverage is high (>90%) and school enrolment is high (>95%), administration of routine MCV2 at school entry may prove an effective strategy for achieving high coverage and preventing outbreaks in schools" (WHO 2017). Dieser WHO-Empfehlung folgend dürfte die Durchimpfungsrate der MCV2 in Deutschland zum Erfassungszeitpunkt (Einschulungsuntersuchung, i. d. R. mehrere Monate, teilweise mehr als ein Jahr vor der Einschulung/school entry) eigentlich null sein....

Das "Problem" der vermeintlich schlechten Durchimpfung mit der zweiten Masernimpfung entpuppt sich also bei näherem Betrachten erstens als hausgemacht und hält zweitens einem Faktencheck schlicht nicht stand.

 

Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die SIKO, also die Sächsische Impfkommission, sich ausdrücklich zu diesem von der WHO empfohlenen späteren Zeitpunkt der MCV2 bekennt, diese Empfehlung ausführlich wissenschaftlich fundiert und die STIKO für ihre - so wörtlich - "Vorverlegung ... ohne wissenschaftliche Begründung" unverblümt kritisiert (Beier 2017). Die vom BGH ja als "medizinischer Standard" apostrophierte Impfempfehlung der STIKO ist also nicht einmal unter den deutschen Gesundheitsbehörden unumstritten...

 

 


PS: nicht einmal im europäischen Maßstab erweist sich die Behauptung einer Zunahme der Masernfälle als stichhaltig - eine Analyse der Maserninzidenzen (Masernfälle pro 1.000.000 Einwohner und Jahr) der letzten 10 Jahre lässt hier keinerlei, geschweige denn einen dramatischen Anstieg erkennen:

 

Maserninzidenz EU und D 2009 18

 

PPS: die Zunahme der Inzidenz in den Ländern mit einer Masernimpfpflicht im Jahr 2018 liegt neben einem größeren Ausbruch in der Slovakei (Inzidenz 105/1.000.000/a) auch an der Einführung dieser Impfpflicht in Frankreich und Italien mit ihren jeweiligen Masernepidemien (Inzidenzen jeweils 43 bzw. 44/1.000.000/a).

 

Literatur

Beier D. SIKO aktualisiert Impfempfehlungen bei Masern-Mumps-Röteln, Infl uenza, Hepatitis B und HPV. KVS-Mitteilung Heft 2/2017. Abruf 07.04.2019

BMG. 2019. Spahn offen für Impfpflicht. Abruf 29.03.2019

Dt. Ärzteblatt. 2019. Gesundheits­ministerium begrüßt Debatte über Impfpflicht gegen Masern. Abruf 29.03.2019

Kutter S. 2015. Eine Masern-Impfpflicht wird nichts bringen. WirtschaftsWoche 24.02.2015. Abruf 30.03.2019

Löll C. 2011. Masern auf dem Weg zur Erwachsenen-Krankheit. Die Welt 25.10.2011. Abruf 30.03.2019

Tagesschau. 2018. Masern-Ausbreitung alarmiert WHO. Abruf 29.03.2019

WHO. 2017. Measles Vaccines - WHO Position Paper - April 2017.